Mit der aktuellen Ausstellung „You_ser: Das Jahrhundert des Konsumenten“ widmet sich das Zentrum für Kunst- und Medientechnologie in Karlsruhe http://on1.zkm.de/zkm/stories/storyReader$5587 , kurz „zkm“ genannt den Auswirkungen der netzbasierten, globalen Kreationen auf Kunst und Gesellschaft. Die wichtigsten Wegbereiter und Strömungen der partizipativen Kunst des 20. Jahrhunderts werden in der weltweit grössten Sammlung interaktiver Kunst gezeigt. Das Museum reagiert damit auf die kulturellen und sozialen Verhaltensweisen in der Gesellschaft und motiviert die Besucher und Besucherinnen zur Mitgestaltung des Inhaltes der Ausstellung. Benutzer und Benutzerinnen werden selber zu Künstlern, Produzenten und Kuratoren. Wie, das sieht man hier im folgenden Youtube-Film, der die Ausstellung vorstellt.
Die Kreativität ist somit nicht mehr länger das Monopol des Künstlers. Portale wie flickr, youtube, myspace oder virtuelle Welten wie Secondlife bieten Millionen von Menschen Raum zur kreativen Äusserung. Der User liefert oder generiert selbst den Inhalt oder stellt ihn zusammen. Er wird selbst zum Produzenten und Programmgestalter. Was aber passiert mit der Kunst, wenn der Betrachter sie selber (mit-)macht? Wird sie zu einer Ware wie jede andere, die den Käufer bedingungslos zufrieden stellt?
Seit der Moderne bis heute hat die Kunst die Aufgabe herauszufordern, ja, manchmal auch zu schockieren und den Betrachter mit Neuem, Ungewohntem und Andersartigem zu konfrontieren. Bei interaktiver Kunst steht das Erlebnis an der Produktion eines Kunstwerkes beteiligt gewesen zu sein aber mehr im Vordergrund als das künstlerische Ergebnis selbst. Meistens verhindern mangelnde Kompetenz oder Motivation der Beteiligten eine künstlerische Aussage. Oftmals sind auch dem Medienkünstler selber Grenzen in seiner Kreativität gesetzt. Bestimmte kreative Operationen oder Ideen können nicht umgesetzt werden, da die jeweilige Software dies verhindert. Mit dem Internet hat sich auch die Urheberproblematik verstärkt. An einem Netzkunstwerk sind of verschiedene Personen beteiligt, der Künstler oder das Künstlerteam, die Institution, die das Werk in Auftrag gegeben hat und die daran beteiligten User. Die Frage nach dem rechtmässigen Eigentümer ist deshalb oft schwierig zu beantworten. Auch die leichte Zugänglichkeit von Bild und Soundquellen steigert den Grad der Fremdaneignung der Werke, welcher nicht immer im Interesse des Künstlers liegt.
Auch die Museen taten sich lange schwer mit Netzkunst, ebenso die Kunstgeschichte/Kunstwissenschaft. Es gibt erst noch sehr wenige Arbeiten, die über dieses Thema verfasst wurden und sich mit der frühen Entstehungsgeschichte von net.art befassen. Die ästhetischen, künstlerischen, medialen oder kunsthistorischen Aussagen solcher einzelner Werke sollten interpretiert und dann gesammelt werden, um für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Allerdings ergeben sich hier Probleme der Software- und Hardwarekonservierung. Hans Dieter Huber, Professor für Kunstgeschichte der Gegenwart, Ästhetik und Kunsttheorie an der staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart ist der Meinung, es solle eine Art historische Sammlung, Archivierung und Inventarisierung der für Netzkunst benötigten Computersoft- und Hardwarekomponenten betrieben werden, d.h. neben dem Sammeln der Netzkunstarbeiten sollte eine Softwaresammlung angelegt werden, in dem die relevanten Betriebssystem-, Browser- und Plug-In-Versionen gesammelt gehören. Wichtig ist aber auch die Konservierung der künstlerischen Absicht. Die Künstler sollten in Interviews, Texten, Skizzen und Anweisungen eine möglichst präzise Beschreibung derjenigen Parameter geben, die für das ästhetische Funktionieren der jeweiligen Arbeit auch in Zukunft sorgt. Die Künstler sollten sich also von Anfang an Gedanken über die Art und Weise der Konservierung, Erhaltung und Reinterpretation ihrer künstlerischen Arbeit machen und diese in einer Dokumentation oder Notation festhalten. Hans Dieter Huber kennt noch weitere Methoden zur Erhaltung der Netzkunst für die Nachwelt. Die gibt es dann aber im nächsten und letzten Blog zur Netzkultur nachzulesen.

carla buser sagte,
Juni 26, 2008 um 7:35
Kunstgeschichte ist für mich ein wichtiges Stichwort. Den mir fehlt in der net.art ganz klar die Gewichtigkeit und auch das pompöse Daherkommen von vielen kunsthistorischen Bildern.Ich weiss, dass ich da zu engstirnig denke, den auch moderne Kunstmalerei kommt bereits anders daher, und nun ist halt ein weiterer Schritt in eine andere (mir immer noch zu fremde) Richtung getan worden.
Ob das Web 2.0 der Kunst förderlich ist oder nicht, ist ja eigentlich egal. Kunst und Kultur ist schon immer vom Menschen gestaltet worden. Also ist an net.art nichts auszusetzen, auch wenn ich persönlich keinen Gefallen daran finde.